Führung & Profitabilität

Warum Minderleistung ansteckend ist und Ihre besten Mitarbeitenden vertreibt

„Das betrifft doch nur ihn. Er schadet ja niemandem.“ Dieser Satz ist beruhigend, und genau deshalb wird er so gern ausgesprochen. Nach meiner Erfahrung ist er fast immer falsch.

Diesen Satz höre ich oft, wenn es um einen Mitarbeitenden geht, dessen Leistung seit Langem nicht stimmt und mit dem sich trotzdem niemand auseinandersetzen möchte. Denn das Teuerste an Minderleistung ist nie die eine Person. Es ist das, was um sie herum passiert. Eine einzelne nachlassende Leistung lässt sich verkraften. Was ein Unternehmen wirklich Geld kostet, ist die Wirkung, die von ihr ausgeht – leise, langsam und über Monate. Wer nur auf den einen Mitarbeitenden schaut, übersieht den eigentlichen Schaden.

Was Ihr Team in Wirklichkeit beobachtet

Ihre besten Leute sind die aufmerksamsten Beobachter im Unternehmen. Sie wissen sehr genau, wer liefert und wer nicht – und vor allem registrieren sie, wie die Führung darauf reagiert. Nicht, weil sie nachtragend wären, sondern weil sie ein feines Gespür für Fairness haben. Dieses Gespür gehört oft zu den Gründen, warum sie so gut sind.

Wenn schwache Leistung über längere Zeit ohne jede Konsequenz bleibt, ziehen genau diese Menschen einen Schluss. Sie sagen ihn nicht laut, aber sie verinnerlichen ihn: Einsatz ist hier offenbar freiwillig. Es macht keinen erkennbaren Unterschied, ob man sich abrackert oder ob man das Nötigste tut. Und in dem Moment, in dem dieser Gedanke Wurzeln schlägt, beginnt die Minderleistung, sich auszubreiten.

Wie sich Minderleistung ausbreitet

Sie verbreitet sich nicht wie eine Erkältung, bei der Trägheit von einem auf den anderen überspringt. Sie verbreitet sich, weil sich die Norm verschiebt. Menschen richten ihren Einsatz weniger danach aus, was offiziell gefordert wird, als danach, was im Umfeld tatsächlich akzeptiert wird. Die gelebte Norm ist immer stärker als die ausgesprochene Erwartung.

Ein kleines Beispiel aus der Praxis: In einem Team ging ein Mitarbeiter über Wochen regelmäßig deutlich früher, ohne dass jemand etwas sagte. Anfangs fiel es auf, dann wurde es hingenommen. Nach wenigen Wochen taten es zwei weitere – nicht aus Faulheit, sondern weil sie zu Recht den Eindruck hatten, dass es ohnehin niemanden stört. Genau so funktioniert Ansteckung: nicht durch böse Absicht, sondern durch eine stillschweigend verschobene Grenze.

Wie sich Minderleistung im Team ausbreitet, weil sich die geduldete Norm verschiebt
Wie sich Minderleistung im Team ausbreitet

Die vier stillen Folgen

Was als Einzelfall beginnt, entfaltet über die Zeit eine Wirkung in mehreren Schritten, die keiner einzeln dramatisch wirkt und die in Summe teuer wird. Zuerst verschiebt sich die Norm: Was geduldet wird, wird unmerklich zum neuen Maßstab. Dann beginnen die Leistungsträger, ihren Einsatz zu drosseln, weil sie keinen Sinn mehr darin sehen, deutlich mehr zu geben als alle anderen. In der Folge verteilt sich die Mehrlast auf genau diese verbliebenen Guten, die kompensieren, was liegen bleibt, und dabei selbst an ihre Grenzen kommen. Und am Ende gehen die Besten – leise, ohne großes Drama, weil sie als Einzige die Optionen dazu haben.

Das Tückische an dieser Kette ist, dass sie sich der Beobachtung entzieht. Es gibt keinen Tag, an dem etwas Sichtbares passiert. Es gibt nur eine Stimmung, die schwerer wird, eine Leistung, die unmerklich sinkt, und irgendwann eine Kündigung, deren wahren Grund niemand benennt.

Die vier stillen Folgen tolerierter Minderleistung: verschobene Norm, gedrosselte Leistungsträger, Mehrlast, Abwanderung der Besten
Vier stille Folgen tolerierter Minderleistung

Das Niveau richtet sich nach dem, was geduldet wird

Hieraus folgt eine Einsicht, die vielen Geschäftsführern zunächst unbequem ist. Das Niveau eines Teams wird selten durch das bestimmt, was Sie in Meetings einfordern. Es wird durch die schwächste Leistung bestimmt, die Sie dauerhaft tolerieren. Das ist der eigentliche Maßstab, an dem sich alle orientieren – nicht das Leitbild an der Wand, sondern die gelebte Untergrenze.

Das bedeutet nicht, dass Sie ständig kontrollieren oder Druck aufbauen müssten. Es bedeutet, dass Sie sich der Wirkung bewusst sein sollten, die jede geduldete Ausnahme entfaltet. Jede dauerhaft akzeptierte Minderleistung senkt die Messlatte für alle ein Stück weiter – unabhängig davon, wie hoch Sie sie an anderer Stelle ansetzen.

Das Leistungsniveau eines Teams richtet sich nach der geduldeten Untergrenze
Das Niveau richtet sich nach dem, was Sie dulden

Warum Nichtstun die teuerste Entscheidung ist

Vielen fällt es leichter, eine Minderleistung auszuhalten, als sie anzusprechen. Das fühlt sich nach Frieden an, nach Rücksichtnahme, manchmal sogar nach Freundlichkeit. Tatsächlich ist es nichts davon. Nichtstun ist keine neutrale Position, sondern eine Entscheidung – und zwar eine, die ausgerechnet die Menschen bestraft, die Sie am wenigsten verlieren möchten.

Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung. Eine Minderleistung anzusprechen ist keine Härte gegenüber dem Einzelnen. Es ist Fairness gegenüber allen anderen, die jeden Tag liefern und die ein Recht darauf haben, dass ihr Einsatz einen Unterschied macht. Vertrauen und Anspruch sind dabei keine Gegensätze, und wir müssen uns auch nicht alle lieb haben, um gut zusammenzuarbeiten. Aber wir sollten darauf vertrauen können, dass Leistung gesehen wird – und dass mangelnde Leistung nicht stillschweigend zur Norm erklärt wird.

Was Sie nach dem Lesen anders einschätzen können

Sie können nun einordnen, warum der beruhigende Satz „das betrifft doch nur ihn“ fast immer in die Irre führt, und Sie erkennen, dass der eigentliche Schaden von Minderleistung im Umfeld entsteht, nicht bei der einen Person. Sie verstehen den Mechanismus dahinter: Nicht Faulheit ist ansteckend, sondern die verschobene Norm dessen, was akzeptiert wird.

Sie kennen die vier stillen Folgen – verschobene Norm, gedrosselte Leistungsträger, Mehrlast für die Guten, Abwanderung der Besten – und Sie wissen, dass das Niveau Ihres Teams von der geduldeten Untergrenze bestimmt wird, nicht von der ausgesprochenen Forderung. Vor allem aber erkennen Sie, dass Nichtstun keine neutrale Option ist, sondern eine Entscheidung mit Wirkung auf alle.

Der praktische Nutzen liegt darin, dass Sie eine tolerierte Minderleistung künftig nicht mehr als isoliertes Einzelproblem betrachten, sondern als das, was sie ist: ein Signal an Ihr gesamtes Team. Das verändert, wie dringlich und wie fair ein klärendes Gespräch tatsächlich ist.

Zusammenfassung

Tolerierte Minderleistung bleibt nie bei einer Person. Sie verschiebt die Norm, weil Menschen ihren Einsatz an dem ausrichten, was akzeptiert wird, nicht an dem, was gefordert wird. In der Folge drosseln die Leistungsträger, die Mehrlast trifft die Guten, und am Ende gehen die Besten. Das Niveau eines Teams richtet sich nach der schwächsten dauerhaft geduldeten Leistung. Deshalb ist Nichtstun keine Rücksichtnahme, sondern eine Entscheidung – und Ansprechen kein Akt der Härte, sondern der Fairness gegenüber allen, die liefern.

Wenn Sie beim Lesen an Ihr eigenes Team gedacht haben, lohnt sich ein genauerer Blick darauf, welches Signal eine geduldete Minderleistung gerade an Ihre Leistungsträger sendet. Was drei ungelöste Leistungssituationen rechnerisch kosten, zeigt Ihnen der Leistungslücken-Rechner – mit Ihren eigenen Zahlen, ohne Anmeldung.

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Häufige Fragen

Warum demotiviert ein einzelner Low Performer ein ganzes Team?

Weil Ihre besten Leute genau beobachten, wie mit Leistung umgegangen wird. Bleibt schwache Leistung ohne Konsequenz, entsteht der Eindruck, Einsatz mache keinen Unterschied. Genau dieser Eindruck senkt die Bereitschaft, mehr zu geben.

Ist Minderleistung wirklich ansteckend?

Ansteckend ist die Verschiebung der Norm: Menschen orientieren ihren Einsatz an dem, was im Umfeld akzeptiert wird. Wird eine schwache Leistung dauerhaft geduldet, wird sie unmerklich zum Maßstab.

Was kostet tolerierte Minderleistung ein Unternehmen?

Weit mehr als die entgangene Leistung der einen Person. Hinzu kommen gedrosselte Leistungsträger, die Mehrbelastung der verbleibenden Guten und das Risiko, dass gerade die besten Mitarbeitenden abwandern. Diese Kosten tauchen in keiner Auswertung auf, summieren sich aber erheblich.

Warum gehen oft die besten Mitarbeitenden zuerst?

Weil sie als Einzige die Optionen dazu haben. Leistungsträger sind am Markt gefragt. Wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Einsatz keinen Unterschied macht und sie dauerhaft die Lücken anderer schließen, suchen sie sich ein Umfeld, in dem Leistung zählt.

Heißt das, ich muss härter durchgreifen?

Nein. Es geht nicht um Druck oder Kontrolle, sondern um Klarheit und Fairness. Eine Minderleistung anzusprechen ist keine Härte gegenüber dem Einzelnen, sondern Fairness gegenüber allen, die liefern. Vertrauen und Anspruch schließen sich dabei nicht aus.

MK

Marianna Knöll begleitet inhabergeführte mittelständische Unternehmen dabei, Profitabilität nicht zu analysieren, sondern umzusetzen. Ihr Ansatz wurzelt in 17 Jahren Automobilindustrie und einem familiengeführten Handwerksbetrieb. Ihr Prinzip: Umsetzung statt Konzepte. Sie ist Autorin der dreibändigen Buchreihe „Profitabilität im Mittelstand“ – zuletzt erschienen: »Gewusst.« zu tolerierter Minderleistung.

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