Wertschöpfung & Prozesse

Voll ausgelastet und trotzdem kein Gewinn: warum Auslastung die falsche Kennzahl ist

Voll ausgelastet, kein Gewinn: Dieser Widerspruch hat eine unbequeme Erklärung. Nacharbeit ist gut für Ihre Auslastung. Ein fehlerhaftes Teil beschäftigt Maschine und Mitarbeitende doppelt, die Kennzahl steigt, der Gewinn sinkt. Wenn eine Kennzahl Fehler belohnt, ist es die falsche Kennzahl.

Die Auslastung misst, ob Menschen und Maschinen beschäftigt sind. Sie misst nicht, ob dabei Wert entsteht, für den ein Kunde zahlt. Das ist ein feiner Unterschied mit großer Wirkung. Denn beschäftigt ist ein Betrieb auch mit Warten, Suchen, Transportieren, Korrigieren und mit Leistungen, die nie auf einer Rechnung landen. All das hält die Auslastung hoch. Und all das kostet Geld.

Wie groß die Lücke ist, zeigt ein Faustwert aus der Wertstromanalyse: Nur 1 bis 5 Prozent der Durchlaufzeit eines Auftrags sind echte Wertschöpfung. Ist ein Auftrag zwanzig Stunden im Unternehmen, wird daran vielleicht eine Stunde wirklich gearbeitet. Der Rest ist Liegen, Warten, Bewegen, Prüfen, Nacharbeiten. Die Auslastungsquote zeigt in derselben Zeit unbeeindruckt hohe Werte.

Womit ein Auftrag seine Zeit verbringt

Anteile an der Durchlaufzeit, Faustwerte aus der Wertstromanalyse

Warten / Liegen~50 %Lager / Bestände~18 %Transport / Bewegen~12 %Nacharbeit / Korrektur~8 %Suchen / Wege~8 %Echte Wertschöpfung~4 %
Nur ein schmaler Streifen der Auftragszeit ist Wertschöpfung. Der größte Block ist Warten. Genau dort liegt der Hebel, nicht in der ohnehin schnellen Bearbeitung.

Hinter einer guten Auslastung verstecken sich typischerweise drei Lecks. Keines davon ist in Ihren Standardauswertungen sichtbar, und genau deshalb halten sie sich so hartnäckig. Der Reihe nach.

Leck 1: der Auftrag, der fast nur wartet

Verfolgen Sie gedanklich einen typischen Auftrag von der Annahme bis zur Auslieferung. An den meisten Stationen entsteht kein Wert. Der Auftrag liegt in einem Postfach, wartet auf eine Freigabe, auf Material, auf die eine Maschine, vor der sich alles staut. Gearbeitet wird schnell. Gewartet wird lange.

Diese Wartezeit kostet dreifach. Erstens Kapazität: Je länger ein Auftrag im System hängt, desto mehr Aufträge laufen gleichzeitig, desto mehr wird gesucht, abgestimmt und nachgefragt. Verkürzen Sie die Wartezeiten auch nur um ein Viertel, schaffen Sie mit denselben Leuten und Maschinen mehr Aufträge durch. Zweitens Kapital: In halbfertiger Ware und Beständen steckt Geld fest, das Sie vorfinanzieren.

250.000 €

So viel Kapital wird grob frei, wenn dauerhaft 800.000 Euro in unfertigen Aufträgen und Lager stecken und die Durchlaufzeit um ein Drittel sinkt. Geld, das nicht mehr vorfinanziert werden muss.

Modellrechnung, konservativ angesetzt

Und drittens kostet die Durchlaufzeit am Markt. Kunden bestellen heute kürzer, ändern öfter und erwarten Liefertermine, die vor wenigen Jahren als unmöglich galten. Wer in drei Tagen verlässlich liefert, was der Wettbewerber in drei Wochen schafft, gewinnt Aufträge, ohne einen Cent billiger zu sein. Die Durchlaufzeit ist kein internes Thema mehr. Sie ist ein Verkaufsargument.

Der Hebel dagegen sitzt fast immer am Engpass, der einen Station, die den Takt bestimmt. Eine Verbesserung anderswo bringt fürs Gesamtergebnis nichts. Dazu zwei einfache Regeln: weniger Aufträge gleichzeitig ins System lassen, denn weniger im Umlauf bedeutet weniger Stau. Und vom Schieben aufs Ziehen umstellen: Ein Schritt beginnt erst, wenn der nächste bereit ist. Niemand muss dafür schneller arbeiten. Der Auftrag muss nur weniger liegen.

Leck 2: die Leistung, die Sie erbringen und nie berechnen

Das zweite Leck tut auf eine stille Art weh: Leistung, die erbracht, aber nie zu Geld gemacht wird. Der schnelle Zusatzwunsch, die kleine Änderung, die Sonderlocke, die „eben miterledigt" wird. Material und Stunden sind bezahlt, ein Gegenwert kommt nie herein. Ihre Auslastung hat davon übrigens profitiert. Ihr Ergebnis nicht.

„Wir leisten mehr, als wir abrechnen. Aber ich kann es nicht belegen."

Dieser Satz stammt aus dem Referenzfall, und er benennt beide Hälften des Problems. Die Mehrleistung ist real, und sie ist unsichtbar. Das Leck wächst dabei mit dem Tempo der Kommunikation. Änderungswünsche kommen heute im Minutentakt, per Mail, per Chat, im Vorbeigehen. Was früher ein Nachtrag mit Unterschrift war, ist heute eine Sprachnachricht. Je schneller der Kanal, desto leichter rutscht Leistung am Auftrag vorbei, ohne je auf einer Rechnung zu landen.

Die Gegenregel ist einfach und wirksam: Zusatzleistung wird entweder bewusst als Service verschenkt, als Entscheidung, oder sie wird berechnet. Beides ist in Ordnung. Nicht in Ordnung ist der dritte Zustand, in dem niemand entscheidet und niemand die Verantwortung dafür trägt, dass erbrachte Leistung fakturiert wird. Benennen Sie diese Verantwortung, und das Leck beginnt sich zu schließen. Ob Ihre Preise und Konditionen selbst noch stimmen, ist übrigens ein eigenes Thema. Das habe ich unter Marge verbessern ohne Neukunden aufgeschlüsselt.

Leck 3: die Nacharbeit, die doppelt kostet

Zurück zum Einstieg, denn hier schließt sich der Kreis. Das Tückische an Fehlerkosten ist, dass sie sich verdoppeln. Ein Ausschussteil kostet das Material und die Zeit, die schon drinstecken, und es muss ersetzt, also ein zweites Mal produziert werden. Beide Durchläufe zählen auf die Auslastung ein. Bezahlt wird nur einer.

Warum Nacharbeit die Auslastung erhöht und den Gewinn senkt

Ein fehlerhaftes Teil, zwei Durchläufe, eine Rechnung

Produzierte Stunden: zählen auf die Auslastung 1. Produktion 2. Produktion (Ersatz) 2× Bezahlte Stunden: zählen auf den Gewinn verkauftes Teil unbezahlt 1×
Beide Durchläufe beschäftigen Maschine und Mitarbeitende, bezahlt wird einer. Die Kennzahl Auslastung sieht darin kein Problem. Ihr Ergebnis schon.

Eine konservative Modellrechnung: Liegt Ihre Ausschuss- und Nacharbeitsquote bei 3 Prozent der Fertigungskosten und halbieren Sie sie auf 1,5 Prozent, sparen Sie anderthalb Prozent Ihrer Fertigungskosten. Bei einem produzierenden Mittelständler ist das schnell ein sechsstelliger Betrag im Jahr. Und die Ursachen konzentrieren sich fast immer auf wenige, wiederkehrende Quellen: Übergaben, unklare Vorgaben, fehlende Standards. Selten auf Unfähigkeit.

Ein verdichtetes Beispiel aus meiner Projektarbeit: In einem Betrieb entstand ein großer Teil der Nacharbeit an einer einzigen Stelle, der Übergabe vom Vertrieb in die Abwicklung, an der Auftragsdaten doppelt erfasst wurden. Wir haben keine neue Software gekauft. Wir haben die doppelte Erfassung abgeschafft, eine gemeinsame Auftragsmappe als verbindliche Quelle eingeführt und eine kurze gemeinsame Freigabe etabliert, zwanzig Minuten pro Auftrag. Die Nacharbeit ging deutlich zurück, allein die Einsparung daraus lag im fünfstelligen Bereich pro Jahr, von der besseren Termintreue ganz zu schweigen. Die Auslastung ist dadurch gesunken. Der Gewinn nicht.

Voll ausgelastet, kein Gewinn: der Blick, der das ändert

Alle drei Lecks werden mit demselben einfachen Mittel sichtbar. Begleiten Sie einen einzigen Auftrag einen Tag lang durch Ihr Unternehmen, von der Anfrage bis zur Rechnung, und stellen Sie an jeder Station eine Frage: Würde der Kunde dafür bezahlen? Notieren Sie, wo der Auftrag liegt, wartet und zurückläuft. Nach meiner Erfahrung überrascht das Ergebnis jeden Geschäftsführer, denn meist ist der Auftrag den größten Teil der Zeit schlicht unbewegt.

Und ersetzen Sie im Kopf eine Kennzahl: nicht die Auslastungsquote, sondern die abgerechnete wertschöpfende Stunde. Wie viele Stunden hat das Unternehmen diese Woche erbracht, die ein Kunde bezahlt? Diese Zahl kann man nicht mit Nacharbeit schönen, nicht mit Warteschleifen und nicht mit verschenkten Zusatzleistungen. Sie zeigt, was die Auslastung verbirgt. Genau deshalb ist sie unbequemer. Und genau deshalb ist sie die richtige.

Die falsche und die richtige Kennzahl im Vergleich

Was jede Kennzahl belohnt und was sie verbirgt

AuslastungsquoteNacharbeit erhöht sieFehler werden doppelt produziertWartezeit stört sie nichtLiegende Aufträge bleiben unsichtbarVerschenkte Leistung zählt mitUnberechnete Arbeit hält sie hochAbgerechnete wertschöpfende StundeNacharbeit senkt sieNur fehlerfreie Arbeit zähltLiegezeit wird sichtbarWas nicht fließt, fällt aufNur Bezahltes zähltVerschenktes wird zur Entscheidung
Die abgerechnete wertschöpfende Stunde lässt sich nicht schönen. Sie ist unbequemer als die Auslastungsquote, und genau deshalb die richtige Steuerungsgröße.

Welches der drei Lecks kostet Sie am meisten?

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Häufige Fragen

Warum macht ein Unternehmen trotz voller Auslastung keinen Gewinn?

Weil Auslastung Beschäftigung misst, nicht Wert. Auch Warten, Suchen, Nacharbeit und nie berechnete Zusatzleistungen halten die Kennzahl hoch, kosten aber Geld. Ein Betrieb kann bei sehr hoher Auslastung Verluste machen, wenn ein zu großer Teil der Arbeit nicht bezahlt wird.

Was sagt die Auslastungsquote wirklich aus?

Nur, dass Menschen und Maschinen beschäftigt sind. Sie unterscheidet nicht zwischen bezahlter Wertschöpfung und unbezahlter Beschäftigung. Nacharbeit erhöht die Auslastung sogar, weil fehlerhafte Teile doppelt produziert werden.

Wie viel der Auftragszeit ist echte Wertschöpfung?

Als Faustwert aus der Wertstromanalyse: 1 bis 5 Prozent der Durchlaufzeit. Der größte Block ist Warten und Liegen, dazu kommen Transport, Suchen, Prüfen und Nacharbeit. Der Hebel liegt deshalb fast nie im schnelleren Arbeiten, sondern im kürzeren Liegen, beginnend am Engpass.

Was hilft gegen nicht berechnete Zusatzleistungen?

Eine klare Regel: Zusatzleistung wird entweder bewusst als Service verschenkt, als Entscheidung, oder sie wird berechnet. Dazu eine benannte Verantwortung dafür, dass erbrachte Leistung fakturiert wird. Der teure Zustand ist der dritte: dass niemand entscheidet.

Was kostet Nacharbeit wirklich?

Doppelt. Ein fehlerhaftes Teil kostet das verlorene Material und die Zeit, und es muss ein zweites Mal produziert werden. In einer konservativen Modellrechnung spart die Halbierung einer Ausschuss- und Nacharbeitsquote von 3 auf 1,5 Prozent der Fertigungskosten bei einem produzierenden Mittelständler schnell einen sechsstelligen Betrag im Jahr.

MK

Marianna Knöll begleitet inhabergeführte mittelständische Unternehmen dabei, Profitabilität nicht zu analysieren, sondern umzusetzen. Ihr Ansatz wurzelt in 17 Jahren Automobilindustrie und einem familiengeführten Handwerksbetrieb. Ihr Prinzip: Umsetzung statt Konzepte. Sie ist Autorin der dreibändigen Buchreihe „Profitabilität im Mittelstand". Zuletzt erschienen: „Zurück in die Leistung" zu tolerierter Minderleistung.